Dankrede

Abschlusskreis am letzten Tag der Kinderferienbetreuung in den Herbstferien. „Tja, das war der letzte Tage der Kinderferienbetreuung im Jahr 2017,“ sage ich „Danke allen Teamerinnen und Teamern für euren Einsatz jeden Tag, danke euch Kindern. Es war toll mit Euch! Bleibt behütet, damit wir uns gesund und fröhlich wieder sehen!“ Ich greife nach der Gitarre für das letzte Lied …

Da meldet sich Alex. [Alex kam im Sommer zu uns. Alex spricht wenig. Alex ist anders. Alex war in anderen Betreuungen. Überall nicht lange. Wurde immer traurig, weil er gehänselt wurde. Weil Alex anders ist. „Was ist mit Alex?“ habe ich Papa gefragt, obwohl ich es ahnte … „Er ist Autist – das ist manchmal schwer ...“]

„Alex, willst du uns etwas sagen?“, frage ich. Alex steht auf. Holt tief Luft. Zuppelt an seinem Pullover. Sein Blick ist nach irgendwo gerichtet … „Das ist nämlich so“, sagt Alex, „Das ist nämlich so, das ist so gewesen, dass so viele sind … So viele, wie sagt man, Jugendliche sagt man … Die da sind jeden Tag. Die für die Kinder sind. Das ist gut wenn das so viele sind … das ist gut für die Kinder … dass das so viele sind … das ist gut weil die das zusammen machen … da kann man zusammen zu sagen – oder man kann auch dann , wie sagt man, man kann dann Team dazu sagen … Team ist, wenn man zusammen hält … das ist dann gut für die Kinder das Team … das ist dann nicht langweilig, das ist dann gut für die Kinder. Da kann man dann danke sagen … da kann man dann danke sagen, weil das gut für die Kinder ist.“

Donnernder Applaus für Alex. Von allen. Wir Teamer haben Tränen in den Augen.

 

Supermama !

Sie rief im März an: Ich brauche einen Platz für die Hausaufgabenbetreuung. Mein Sohn kommt im August in die Schule … Oh, da habe ich noch keinen Überblick, sage ich … Aber mein Sohn muss einen Platz haben, bitte … Das kann ich noch nicht zusagen. Warum denn? … Ich kann nicht gut lesen und schreiben, mein Sohn soll das lernen, aber ich kann ihm doch nicht dabei helfen …

Sie brauchen nicht weiterreden, sage ich, Ihr Sohn hat einen Platz, egal ob ich einen frei habe. Er hat einen Platz! Und Sie sind eine ganz tolle und starke Mutter! Darum hat er einen Platz!

Der Junge kommt drei Mal in der Woche in die Hausaufgabenbetreuung im Gemeindehaus. Manchmal sitzt Mama daneben …

 

Coole Jungs (oder: Ökumene klappt sowieso)

Er kam im September zu uns aus Syrien. Mit Mama und seinem kleinen Bruder. Mein katholischer Kollege hat die Kinder sofort in die Kinderferienbetreuung geschickt. Unsere Jugendlichen haben mit den beiden jeden Tag eine Stunde Deutsch gelernt. Mit Händen, Füßen und Buntstiften … Beide Kinder waren dann (nachdem endlich ein Schulplatz da war!) in die Hausaufgabenbetreuung (hauptsächlich: Deutsch lernen!) … im Sommer hat der Junge die Schullaufbahnempfehlung „Gymnasium“ bekommen … und sein kleiner Bruder lernt gerade bei uns, dass es nicht ganz reicht, einen erfolgreichen Bruder zu haben … dass man selber lernen muss – ist jetzt echt doof, aber geht nicht anders.

 

"Die fantastischen Vier“

Es klopft an der Tür meines Büros. Zwei Köpfe schauen um die Ecke. Zwei 13-jährige Konfirmandinnen: "Wir wollten dir das geben.“ Ein Umschlag, beschriftet. Voll mit Hartgeld. „Das ist für Jedes Kind braucht einen Engel“. „Und woher kommt das?“ „Wir haben zu viert Kuchen gebacken und in der Nachbarschaft verkauft“ „Ihr seid fantastisch!!!“

Es gibt so viele tolle Ideen, mit denen uns Menschen unterstützen. Zu oft fehlt die Zeit, sie aufzuschreiben. Manchmal liegt auch nur ein Briefumschlag im Briefkasten unseres Gemeindehaus – anonym: "für JKBEE". Oder im Laden kommen Päckchen an: mit Modeschmuck, mit Kuscheltieren – meistens auch anonym. Meistens aus Hannover.

Diese Geschichte haben wir jetzt aufgeschrieben – stellvertretend für so viele. DANKE!

 

„Okay, zehn Minuten …“

Furkan (Name geändert) hat seine Hausaufgaben fertig. In Windeseile fegt er seine Sachen in den Schultornister und springt auf. „Wir haben doch noch Zeit, lass uns doch noch das 1x1 üben, das fällt dir noch so schwer,“ sagt Irmgard. Furkan hat keinen Bock mehr. Sagt er auch überdeutlich. „Bitte …“ Er zögert. Er dreht sich um, sein Blick kommt von schräg unten. Er murmelt: „Du machst das damit ich besser werden, nicht?“ „Ja, genau darum mache ich das.“ Furkan setzt sich wieder hin, langsam. „Okay, zehn Minuten.“

 

Ein starkes Mädchen

Xenia ist dreizehn. Ihre Familie ist vor einem Jahr aus der Heimatstadt weggezogen in eine entfernte Bauernschaft. Neu anfangen. Die Situation der Familie ist prekär …

Xenias größtes Hobby ist Handball. Xenia wollte nicht umziehen. Seit dem Umzug fährt Xenia jede Woche mit dem Fahrrad zum Handballtraining in die alte Heimat. Vierzehn Kilometer hin und vierzehn Kilometer zurück. Bei Sonne, bei Regen.

Als das Fahrrad kaputt war, brachte Xenia es zum Fahrradhändler. Die Reparatur kostete 110 € und 1 Cent. Mutter konnte das nicht bezahlen … nächsten Monat vielleicht … 12 Wochen stand das reparierte Fahrrad beim Händler.

Ein Mitarbeiter der Jugendhilfe rief bei uns an, ob wir etwas machen könnten …

Xenia hat uns überzeugt. Wenn ein Mädchen sich so für ihre Leidenschaft einsetzt, muss es eine Lösung geben. Diese Stärke braucht Unterstützung! Mit dieser Stärke wird Xenia einen Weg durchs Leben finden …

Wir haben mit Ma einen Deal gemacht: wenn sie 20 € übernimmt, lösen wir Xenias Fahrrad aus. Am nächsten Monatsersten war ihr Anteil bei uns.

Xenia fährt jetzt wieder zum Handball. Jede Woche achtundzwanzig Kilometer. Bei Sonne, Wind und Regen. Starkes Mädchen!

 

Das Christkind

Es war der 30. Dezember. Normalerweise mache ich zwischen Weihnachten und Neujahr frei. An diesem Abend war ich doch noch einmal im Büro – ein wenig die Unordnung ordnen …

Es klingelt am Gemeindehaus. Eine ganz junge Mutter mit einem Säugling. Ich kenne sie entfernt. „Ich habe kein Geld mehr, können sie mir helfen?“ Ich lasse sie erzählen. Ihr Kind wurde am 23. Dezember geboren. sie ist allein. Wieder ein Kind zu dem es keinen vater gibt. Zwei Tage nach Weihnachten kam sie aus dem Krankenhaus, war sofort beim Standesamt und beim Sozialamt. Das Kind anmelden. „Ja,“ sagte der Sachbearbeiter, „Das ist ja schön. Ich muss ihre Leistungen neu berechnen, sie hören im neuen Jahr von mir.“ Einen Vorschuss hat er ihr nicht ausbezahlt. Nun steht sie da und ich glaube ihr nicht. Immerhin bekäme sie ja mit dem Kind mehr Unterstützung. Auch ohne zu rechnen hätte ihr ein Abschlag problemlos zugestanden.

Sie legt mir alle Papiere vor, die sie vorsorglich eingepackt hat. Alles ist glaubhaft und doch so unglaublich. Ich rufe eine Kollegin aus der Jugendhilfe an … „Gibt es so etwas?“ Sie lacht bitter: „Das darf es nicht geben. Aber weißt du, es gibt noch viel Schlimmeres … guten Rutsch!“. Die junge Mutter und ich rechnen, was brauchen sie für die nächsten drei Tage?“ Ich gebe ihr 50 €. Wir vereinbaren, dass sie gleich am Montag wieder im Amt ist, auf einen Vorschuss besteht. Das sie noch aus dem Amt bei mir anruft, wenn er wieder verweigert wird, dass ich dann sofort komme. Es war nicht nötig.

Bei allem Entsetzen über die Kälte dieses einen Sachbearbeiters – ich bin froh und dankbar, wenn junge Mütter den Weg finden in unseren Laden. Oder eben in’s Gemeindehaus …

 

In Wahrheit ist die Welt doch ganz einfach

Ich nenne sie Fatima. Vor zwei Jahren kam sie in die Hausaufgabenbetreuung. Klein, schüchtern, sprach kein Wort Deutsch. Klar eines dieser typischen Kinder mit Migrationshintergrund, deren Bildungsweg vorgezeichnet ist. Schulabschluss? Vergiss es einfach!

Fatima war bei uns und taute auf. Sie war wissbegierig. Michael in seiner begnadeten Art fing an, sie türkische Begriffe erzählen zu lassen („Seht ihr? Fatima kann perfekt eine Fremdsprache!“) - die anderen Kinder durften diese Wörter lernen. Und umgekehrt erzählten die anderen Kinder ihr deutsche Wörter … Manches Bilderlexikon, manches Bilderbuch wurde gelesen … und natürlich die Hausaufgaben gemacht.

Einmal, wenige Tage vor Weihnachten setzte ich mich unten in die Betreuung, um meine Liederzettel für den Heiligabendgottesdienst zu falten … Fatima kam zu mir, strahlte mich an: „Soll ich Dir helfen?“ Wir falteten gemeinsam. Schweigend. „Das ist ja spannend,“ sagte ich irgendwann, „Du als Muslimin faltest mit mir Liederzettel für Weihnachten ...“ Fatima blitzte einmal über den Tisch: „Ich kenne auch Jesus!“ In Wahrheit ist die Welt doch ganz einfach …

Fatima übrigens ist immer noch klein. Aber inzwischen kaut sie uns ein Ohr ab! Und einen Abschluss wird dieses Kind locker schaffen!